Schlechte Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte in Deutschland

Um den Pflege-Beruf auch für Männer attraktiver zu machen, müssten Ausbildung und Arbeitsbedingungen verbessert werden – Foto: ©Kzenon - stock.adobe.com
Die Arbeitsbedingungen für Pflegepersonal sind in Deutschland oft schlechter als in anderen Industrienationen. Das besagt eine aktuelle Vergleichsstudie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Das neue Pflegepersonalstärkungsgesetz, das in dem Bereich Abhilfe schaffen will, trat erst vor wenigen Tagen in Kraft.
Obwohl die Altenpflege angesichts des demografischen Wandels in den Industriestaaten immer wichtiger wird, gibt es bislang kein "Best Practice"-Beispiel, das gute Leistungen für Pflegebedürftige, gute Arbeitsbedingungen für Pflegende und eine gesicherte Finanzierung zusammenbringt. Unterschiede im Bereich Pflege gibt es dagegen schon. Das zeigt die Untersuchung der Sozialwissenschaftlerin Prof. Hildegard Theobald von der Universität Vechta. Sie betrachtet dabei die Situation in Deutschland, Schweden und Japan.
Hoher Zeitdruck: Schlechte Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte
Belastend ist die Pflege alter Menschen in allen drei Ländern: Von regelmäßigem Zeitdruck berichten 54 Prozent der ambulanten Pflegekräfte in Deutschland, 35 Prozent in Japan und 37 Prozent in Schweden. Wöchentlich Überstunden fallen bei 52 Prozent der Deutschen, 28 Prozent der Japaner und 13 Prozent der Schweden an.
Noch schlimmer sieht es im stationären Bereich aus: Hoher Zeitdruck ist hier bei 73 Prozent der Deutschen, 53 Prozent der Japaner und 40 Prozent der Schweden an der Tagesordnung. Für die schlechten Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte macht die Forscherin festgelegte Aufgabenkomplexe in engen Zeitkorridoren und dünne Personaldecken verantwortlich.
Körperlich erschöpft nach einem Arbeitstag in der Pflege
Auch körperliche Belastungen sind international ein Problem: Täglich schwere Dinge oder Personen bewegen müssen im ambulanten Sektor in Deutschland und Schweden 40 bis 50 Prozent der Beschäftigten, im stationären Sektor 60 bis 70 Prozent. In Japan sind es in der ambulanten Pflege, die dort vor allem Haushaltstätigkeiten umfasst, 18 Prozent sowie 81 Prozent in den Heimen.
Fast immer körperlich erschöpft sind nach einem Arbeitstag in der ambulanten Pflege 46 Prozent der deutschen Befragten sowie etwa 60 Prozent der Schweden und Japaner. Von den Beschäftigten in Pflegeheimen haben in Deutschland und Schweden 70 Prozent mit körperlicher Erschöpfung zu kämpfen, in Japan mehr als 80 Prozent.
In Japan setzen spezialisierte medizinische Dienstleister die Spritzen
Bei den Arbeitsinhalten dominiert länderübergreifend die Grundpflege. Haushaltstätigkeiten spielen in der ambulanten Versorgung in Japan und Schweden eine größere Rolle als in Deutschland, wo die Pflegeversicherung Dienstleistungen wie Einkaufen oder Vorlesen bislang nur begrenzt abdeckt - das neue Pflegestärkungsgesetz will das aber ändern.
Behandlungspflege wie das Verabreichen von Injektionen gehört dagegen in Deutschland bei 62 Prozent der ambulanten Pfleger, in Schweden bei 36 Prozent, in Japan gar nicht. Dort gibt es spezialisierte medizinische Dienstleister für solche Tätigkeiten. Im stationären Bereich sind die Unterschiede geringe, heißt es weiter in einer Mitteilung der Stiftung.
Starke Tendenz den Job zu wechseln
Die Arbeitsautonomie ist in den schwedischen Pflegeheimen und in der ambulanten Pflege in Deutschland am stärksten ausgeprägt, wo jeweils 40 bis 50 Prozent der Beschäftigten Gestaltungsspielräume haben. In Japan sind es in beiden Bereichen nur 15 bis 20 Prozent. Auch der Anteil derjenigen, die ihre Arbeit als interessant oder bedeutsam wahrnehmen, ist in Japan am geringsten.
Wenn es darum geht, die Entwicklung der Arbeitsbedingungen zu bewerten, fällt die Einschätzung im ambulanten Bereich hierzulande eher positiv aus. Im stationären Bereich in Deutschland und in beiden Sektoren in Schweden sehen 40 bis 50 Prozent der Befragten eher eine Verschlechterung. In Japan können die meisten keine Veränderung erkennen. Die Tendenz, den Job zu wechseln, ist überall stark ausgeprägt: Der Anteil der Wechselwilligen reicht von 30 Prozent in der ambulanten Pflege in Deutschland bis zu 56 Prozent in den japanischen Pflegeheimen.
Der Frauenanteil in der Altenpflege beträgt fast überall mehr als 90 Prozent. Die einzige Ausnahme stellt der stationäre Bereich in Japan dar, wo 35 Prozent der Beschäftigten junge Männer sind. Die Arbeitsbedingungen dort sind insofern typisch männlich, als es fast nur Vollzeitjobs gibt. Auch das Qualifikationsniveau ist höher als im ambulanten Bereich. Das Gleiche gilt allerdings auch für die körperlichen und seelischen Belastungen.
Migranten in der Pflege erfahren weniger Wertschätzung
Beschäftigte mit Migrationshintergrund spielen in Japan mit einem Anteil von 0,5 Prozent kaum eine Rolle, in Deutschland und Schweden sind 14 Prozent im stationären und 11 Prozent im ambulanten Sektor. In Japan und Schweden gibt es keine Hinweise auf Benachteiligungen bei der Qualifikation und den Arbeitszeitarrangements. In Deutschland sind hingegen deutliche Unterschiede erkennbar.
Unbezahlte Überstunden machen 41 Prozent der Migranten sowie 18 Prozent der anderen Beschäftigten. Noch schlechter sieht es bei den Ungelernten aus. Gestaltungsspielräume haben 23 Prozent der Pflegekräfte mit Migrationshintergrund und 35 Prozent der einheimischen Kollegen. Häufig körperlich erschöpft sind 88 im Vergleich zu 64 Prozent. Zudem erfahren Migranten weniger Wertschätzung von den Familien und Vorgesetzten. Von ausländerfeindlichen Kommentaren sind 15 Prozent betroffen.
Personalengpässe beseitigen, Ausbildung verbessern
Mit Blick auf die deutsche Altenpflege hat Theobald aus ihrer Analyse mehrere Handlungsempfehlungen abgeleitet. Zum einen plädiert sie dafür, dass ähnlich wie in Schweden grundsätzlich alle Pflegkräfte eine Ausbildung erhalten sollten. Berufsbegleitende Angebote wären dabei essenziell. Um den hohen Anteil an zeitlich wenig umfangreichen bis hin zu geringfügigen Teilzeittätigkeiten zu verringern, seien familienfreundliche, flexible Vollzeit- oder umfangreiche Teilzeitarrangements und eine bessere Kinderbetreuung notwendig.
Um den Zeitdruck zu lindern, müssten vor allem Personalengpässe beseitigt werden. Die deutliche Benachteiligung von insbesondere ungelernten Migranten im Arbeitsalltag mache es erforderlich, dass Arbeitgeber und Interessenvertreter auch auf Betriebsebene aktiv werden. Dass der Pflegeberuf auch für Männer attraktiv werden kann, wenn sozial abgesicherte Vollzeit die Norm ist, zeige der stationäre Sektor in Japan. Allerdings werde an diesem Beispiel auch deutlich, dass Normalarbeit allein kein Garant für hohe Arbeitszufriedenheit ist. Zusätzlich brauche es unter anderem eine adäquate Ausbildung, ausreichend Personal und Gestaltungsspielräume für die Beschäftigten.
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