
Dr. Thomas Picht
Herr Dr. Picht, Sie haben in der Neurochirurgie ein Verfahren eingeführt, das bis dato Neurologen und Psychiatern vorbehalten war: die transkranielle Magnetstimulation. Jetzt reisen Sie bis in die USA, um über Ihre Pionierleistung zu referieren. Warum ist das Interesse Ihrer neurochirurgischen Kollegen daran so groß?
Dr. Picht: Unser Ziel ist ja, einen Hirntumor möglichst vollständig zu entfernen und gleichzeitig die funktionellen Hirnareale optimal zu schonen. Dafür müssen wir schon im Vorfeld der OP ziemlich exakt wissen, wo diese Areale in Relation zum Tumor liegen. Mit der navigierten transkraniellen Magnetstimulation - kurz nTMS - erhalten wir diese Informationen, und zwar wesentlich genauer als mit Standardverfahren wie der funktionellen Bildgebung. Derzeit ist nTMS die Methode, die in der präoperativen Diagnostik von Hirntumoren die qualitativ besten und zuverlässigsten Ergebnisse liefert.
Wie sieht denn so ein qualitativ gutes und zuverlässiges Ergebnis für den Neurochirurgen aus?
Dr. Picht: Ein gutes Ergebnis ist, wenn ich aufgrund der Analyse potenzielle Folgeschäden der OP vermeiden kann. Dafür muss ich das Risiko kennen und die nTMS hilft uns, die Risiken für Folgeschäden sehr exakt vorherzusagen. Lassen Sie mich aber kurz noch erläutern, dass wir bei diesem Diagnostikverfahren die TMS mit einem Navigationssystem, wie es in der Neurochirurgie üblich ist, kombinieren. Nicht die TMS allein, sondern die Kombination bringt die guten Ergebnisse.
Ist die nTMS auf dem Weg zum Standverfahren zu werden?
Dr. Picht: Ich denke ja, aber so etwas braucht Zeit. Seit wir 2006 die nTMS erstmals angewendet haben, setzen wir das Verfahren in unserer Klinik routinemässig zur motorischen Funktionsanalyse vor einer Hirntumor-OP ein. In Deutschland sind uns mittlerweile etwa zehn Kliniken gefolgt, in den USA ist das Interesse daran gerade erst erwacht. In diesem Punkt sind wir den USA ausnahmsweise mal einen Schritt voraus.
Jetzt müssen Sie uns bitte noch erklären, warum die nTMS anderen Verfahren überlegen ist ...
Dr. Picht: Die Genauigkeit ist der entscheidende Punkt. Stellen Sie sich eine Landkarte vor, auf der die betroffenen Hirnareale und die entsprechenden Faserbahnen, also die Nervenverbindungen im Gehirn, farblich markiert sind, und mittendrin sitzt der Tumor. Diese Darstellung zeigt uns auf den Millimeter genau, wo die funktionell wichtigen Areale für Motorik oder Sprache im Bezug zum Tumor liegen und wie gross der Sicherheitsabstand ist. Diese Genauigkeit bietet kein anderes nicht-invasives Verfahren.
Und danach entscheiden Sie, ob der Tumor überhaupt operabel ist?
Dr. Picht: Richtig. Über die Analyse des Funktionszustandes des motorischen Systems können wir vor der Operation sehr genaue Aussagen über das Risiko bleibender Lähmungen treffen. Inzwischen können wir damit auch die sprachlichen Areale lokalisieren und entsprechende Risiken vorhersagen. Insofern ist diese präoperative Diagnostikmethode eine extrem wichtige Entscheidungshilfe für uns Ärzte, aber auch für die Patienten.
Kam es schon mal vor, dass Sie aufgrund der neuen Diagnostikmethode von einer Operation abgeraten haben?
Dr. Picht: Das war bei etwa vier Prozent unserer Patienten der Fall. Hier wäre das Risiko möglicher Folgeschäden zu gross gewesen und wir haben uns mit den Patienten darauf geeinigt, nicht zu operieren. Bei 55 Prozent der Patienten haben wir aufgrund der neuen Diagnostikmöglichkeit die OP-Strategie geändert - mit grossem Erfolg. Das sagt viel über die Qualität des neuen Verfahrens aus.
Was erwartet den Patienten eigentlich bei der transkraniellen Magnetstimulation?
Dr. Picht: Die TMS ist für den Patienten völlig schmerzfrei und denkbar unkompliziert. Bei der Untersuchung wird über den Kopf des Patienten eine Magnetspule gehalten. Durch diese Spule wird für den Bruchteil einer Sekunde ein Stromimpuls geleitet. Reizt man mit dieser Methode zum Beispiel die Hirnregion, die für die Ansteuerung der Muskeln zuständig ist, kommt es zu einem kurzen Muskelzucken. Das Ganze dauert nicht länger als 30 Minuten. Anders als die funktionelle Bildgebung setzt die TMS keine motorischen und kognitiven Kooperationsfähigkeiten des Patienten voraus, so dass wir sie problemlos auch bei Kindern und Patienten mit Lähmungen durchführen können.
Für Sie geht die Arbeit nach dieser kurzen Untersuchung erst richtig los?
Dr. Picht: Nach der TMS überspielen wir die Bilder in unser Navigationssystem und bekommen genau die Landkarte, die wir zur Operationsplanung brauchen. Im Übrigen sind diese Daten nicht nur für die Operationsplanung relevant. Sie sind auch eine wichtige Navigationshilfe während der OP, da sich der Operateur an den Bildern orientieren und so maximal schonend operieren kann. Und wir nutzen diese Daten, um Aussagen über das Rehabilitationspotenzial zu treffen, wenn nach einer Operation Lähmungen aufgetreten sind.
Sie haben das Verfahren mehr oder weniger zufällig für den Einsatz in der Neurochirurgie entdeckt...
Dr. Picht: 2005 bin ich zusammen mit meinem Kollegen Dr. Olaf Süss erstmals auf die TMS aufmerksam geworden. Dank einer Förderung der Berliner Krebsgesellschaft konnten wir uns ein Jahr später ein TMS-Gerät anschaffen. Schon die ersten Untersuchungen haben die Überlegenheit dieser Methode gezeigt. Seither haben wir das Verfahren immer weiterentwickelt und auch das ursprüngliche TMS-Gerät durch ein wesentlich leistungsstärkeres ersetzt. Im Rahmen dieser Arbeit haben wir aber noch eine Reihe weiterer Anwendungsmöglichkeiten entdeckt, die für noch viel grössere Patientengruppen interessant sind.
Noch mehr interessante Entdeckungen?
Dr. Picht: Im vergangenen Jahr sind wir mehr oder weniger zufällig darauf gestossen, dass sich die TMS auch für die Diagnostik von Mangeldurchblutung, also Gefässverengungen im Gehirn eignet. Für potenzielle Schlaganfallpatienten ist das ein Segen. Durch eine anschliessende Bypass-OP, bei der wir sozusagen eine Umgehungsbahn für das Blut um die Engstelle herumlegen, können wir die Patienten vor einem Schlaganfall bewahren. Ausserdem setzten wir die TMS seit Ende vergangenen Jahres erfolgreich in der Schmerztherapie ein und planen eine Ausweitung auf die Behandlung von Tinnitus. Diese Anwendungsmöglichkeiten zeigen das grosse Potenzial der TMS in der Neurochirurgie und ich denke, es ist noch lange nicht ausgeschöpft.